Namen, Prägungen und Persönlichkeit

Hat unser Name eine Wirkung auf unser Leben? Ich denke schon, zumindest in meinem Leben war es so.

Mein erster Vorname lautet Natalie. Dennoch kennen die meisten Menschen in meinem täglichen Umfeld nur meinen zweiten Vornamen Anja. Dieser wurde jedoch überhaupt erst kurz vor meinem 4. Geburtstag mein Rufname. Interessanterweise ging mit dem Namenswechsel auch eine Persönlichkeitsänderung einher. Die kleine Natalie war ein eigensinniges und ungestümes Wesen…und sehr sensitiv veranlagt. Die kleine Anja dagegen war viel ängstlicher, angepasster. Sie war verlässlich, praktisch und übernahm die Verantwortung für alles und jeden. Man könnte sagen, dies war ein Zufall und die Veränderungen einfach meiner Biografie geschuldet, den Einflüssen denen ich damals unterlag.

Denn interessanterweise ist Anja auch der Muggel, der ich vorgab zu sein. Diejenige, die ihre wahren Interessen und Begabungen vor einer Welt verbarg, die damit nichts anzufangen weiss. Dass der Name Natalie wieder Teil meines Lebens wurde, war einer von unendlich vielen Zufällen, die sich alle um eine Israelreise gruppierten, die ich 2015 unternahm. Als ich mich für diese anmeldete, wurde mein erster Vorname in die Unterlagen eingetragen. Als ich es merkte, überlegte ich kurz ob ich es korrigieren lassen solle, aber da Natalie für die sehr internationale Reisegruppe sowieso besser auszusprechen und zu erinnern war und ich den Namen mochte, behielt ich den Namen bei. Und um meine Mitreisenden kennenzulernen legte ich gleich noch ein entsprechendes Facebook-Profil an. Ich lernte tolle Menschen kennen und Natalie entwickelte ein sehr angenehmes Eigenleben. Man könnte es damit erklären, dass die Menschen mit denen ich Kontakt aufnahm sowieso mehr meinem Wesen und meinen Interessen entsprachen, aber Natalie wurde nicht nur von ihresgleichen völlig anders behandelt.

Ich erinnere mich als ich zur Reise startete und abends im Hotel mitteilte, dass ich zu früh fürs Frühstück abreisen werde. Es war nur eine Bemerkung, dass ich kein Frühstück brauche. Als ich am kommenden Morgen in die Halle kam und auschecken wollte, wartete eine lange Schlange bereits darauf abgefertigt zu werden. Ich reihte mich ein. Plötzlich rief ein junger Mann an der Rezeption meinen Namen. Alle drehten sich um, als er mich nach vorne winkte und meinte: „Sie müssen doch zu Ihrem Flieger. Ich war so frei und habe Ihnen eine Lunchbox richten lassen. Guten Flug.“ Strahlend reichte er mir ein Päckchen und nahm meine Schlüsselkarte entgegen. Ich fragte mich für einen kurzen Moment ob ich noch träume oder es gar mein letztes Buch über Nacht auf die Bestseller-Liste gepackt hatte. Ach nein, da stand ja Anja Esser auf dem Cover, daran konnte es nicht liegen. Es ist eines von unendlich vielen Beispielen, aber Natalie Esser wurde und wird von Menschen anders wahrgenommen und behandelt als Anja Esser. Ich führte die letzen zwei Jahre 2 parallele Leben. Anja ist für die Pflicht zuständig, sorgt für die Miete. Ich habe sie mal als „quadratisch, praktisch, gut“ bezeichnet. Eine Ritter-Sport-Schokolade. Natalie dagegen ist eine Schachtel mit exquisiten Pralinés, überraschend und außergewöhnlich.

In meiner Familie gibt es viel zu viele Geheimnisse. Nachdem ich feststellte wie destruktiv sich dies auswirkt, bin ich bereit offensichtl Ich zu sein, mit allen Facetten. Eine Freundin erlebte Mobbing am Arbeitsplatz nachdem sie offen über ihren Missbrauch in der Kindheit sprach. Ich weiss, dass ich obendrein noch weitere ungewöhnliche Facetten zeige, die viele nicht begreifen können. Aber ich bin lieber für das angreifbar was ich bin, als für etwas akzeptiert, was mir gar nicht entspricht.

Der unsichtbare Elefant im Zimmer

Wir wissen nicht, was wir nicht wissen…dennoch bestimmt es unser ganzes Leben.

Nachdem meine verdrängten Erinnerungen hochkamen, bekommt mein gesamtes Leben rückblickend eine völlig andere Perspektive. So vieles ergibt plötzlich einen anderen Sinn. Manches macht das erste Mal in meinem Leben überhaupt Sinn.

Es ist als hätte ich das ganze Leben einen unsichtbaren Elefanten im Raum gehabt. Wir stellen die Dinge so wie sie sind nicht in Frage, wir leben völlig selbstverständlich mit ihnen. Wir laufen um das riesige unsichtbare Wesen im Zimmer herum, völlig selbstverständlich. Ab und an verschwinden unsere Erdnüsse auf unerklärliche Weise und stattdessen tauchen Exkremente aus dem Nichts auf, die wir beseitigen. Wir gewöhnen uns daran, ab und zu fluchen wir darüber. Aber wir können die Erfahrungen weder sinnvoll einordnen, noch unsere Realität dauerhaft verändern, solange sich der unsichtbare Elefant im Raum befindet, von dem wir nichts wissen.

Ich habe mein ganzes Leben lang die falschen Menschen angezogen. Nicht immer, aber fast immer. Sowohl im Freundeskreis, als auch wenn es um potentielle Partner ging. Mit absoluter Sicherheit fand ich die, die für eine unschöne Überraschung gut waren.

Ich habe eine wahrhaft unwiderstehliche Anziehungskraft auf Psychos. Natürlich. Die einzige Vaterfigur, die ich in meinen prägenden Jahren kannte, war einer. Ich bin in entscheidenden Momenten meines Lebens immer wieder allein und im Stich gelassen worden. Natürlich. Ich hatte auch als Kind niemanden der mir half. Sogar wenn ich sage, dass ich Hilfe brauche, hört es niemand. Auch damals war es offensichtlich, aber alle haben weggeschaut. Die, die mich hätten schützen können, sollen oder gar müssen, hatten stattdessen sogar mich zum Sündenbock gemacht.

Unser Bewusstsein ist in der Kindheit wie eine Festplatte, die alles erlebte abspeichert und im weiteren Leben verschiedene Varianten der Programmierung wiederholt. Ich bin der Ansicht, dies geschieht weil unser Bewusstsein darauf hofft, dass wir endlich eine andere Lösung für das alte Dilemma finden. Anstatt weiter um den unsichtbaren Elefanten herumzulaufen, habe ich die Chance ihn im wahrsten Wortsinne zu begreifen. Damit ich entscheide, was ich mit ihm mache.

Was in dir ist

Ich habe einen Teil dessen, was in mir ist, nicht erinnert. Fast 40 Jahre lang. Weil ich es nicht verarbeiten konnte. Als die Erinnerung jetzt wieder auftauchte, erinnerte ich mich wie ich damals meinen Körper verlassen hatte. Trauma. Abgeschnitten, verdrängt. Aber es hat mein Leben dennoch zutiefst geprägt. Weil das Unterbewusstsein nichts vergisst. Zu tun als sei nichts geschehen war die einzige Wahl, die meine Seele damals hatte. Weil es keinen Schutz für mich gab.

Nach 40 schutzlosen Jahren hat meine Seele entschieden, dass die Auswirkungen des Traumas auf mein Leben zu destruktiv waren und ich nun stark genug, dem Ereignis ins Gesicht zu schauen.

Eine Freundin hat mir ein Buch zum Thema Traumabewältigung geschickt und als ich es eben öffnete, las ich:

„Wenn du das hervorbringst, was in dir ist, wird das, was in dir ist, deine Rettung sein. Wenn du das, was in dir ist, nicht hervorbringst, wird das, was in dir ist, dich vernichten. „

Der Text stammt aus den gnostischen Evangelien und ich hatte ihn bereits zuvor gelesen. Erst jetzt verstehe ich ihn wirklich.

Und eben postete eine amerikanische FB-Feundin unter ein Foto einen deutschen Satz, der mich zutiefst berührte:

„Liebe pflanzt eine Rose und die Welt wurde suess.“

Ja!

Wenn deine Gefühle nicht zählen

Eines der schlimmsten Muster in meinem Leben war, dass meine Empfindungen und Wahrnehmungen ignoriert, lächerlich oder kleingemacht wurden. Ich lernte so, dass mit mir etwas nicht stimmt und ich mir selbst nicht trauen konnte.

In meiner Kindheit wurde ich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dazu gebracht auf die Empfindungen meiner Umgebung zu achten, statt auf meine. Das ist ziemlich verrückt, weil ich eine hervorragende Wahrnehmung von Haus aus besitze. Diese ging sogar weit über das Spektrum meiner Umgebung hinaus. Ich konnte Strom hören und Chi sehen, bis ich merkte dass niemand außer mir das tat und ich diese Wahrnehmungskanäle schloss, um mich anzupassen und dazuzugehören. Anders zu sein war keine gute Idee. Dass Einzige was immer blieb war meine Empathie, denn die Stimmungen meiner Umgebung lesen zu können war für mich überlebenswichtig. Ich verlor jedoch immer mehr den Zugang zu mir, meinem eigenen wahren Wesen und Sein. Dennoch „wusste“ ich bestimmte Dinge manchmal einfach, was in einer Welt in der sich alle verstellen, lügen, betrügen, manipulieren und missbrauchen natürlich ein ständiges Ärgernis darstellte, was mir nette Namen wie „kleine Hexe“ einbrachte. Wenn ich obendrein sogar auf meiner eigenen Sicht bestand war ich gar eine „Gewitterhex“ oder ein „Deibelsbraten“. Ich selbst zu sein war der Inbegriff des Bösen und das wurde mit allen Mitteln bekämpft. Wenn ich mich hingegen fügte, ein braves Kind war, wurde ich gelobt und mit Süssigkeiten belohnt. Pure Korruption meines eigenen Seins.

Ich habe mir mein Recht auf meine eigene Wahrheit und mein eigenes Sein im Laufe der letzten Jahre mühsam wiedererkämpft. Ich habe auch den Zugang zu meinen übernatürlichen Fähigkeiten (die in Wirklichkeit das natürlichste überhaupt sind) teilweise wiedererlangt und festgestellt, dass es Menschen gibt, die mich für das was ich bin nicht ablehnen, sondern etwas Schönes und Wertvolles darin sehen. Es gibt erstaunlich viele Menschen meiner Art.

Ich dachte, ich bin jetzt an einem guten Platz im Leben und dass ich meine Kindheit gut aufgearbeitet habe. Bis die verdrängten Erinnerungen an den sexuellen Missbrauch hochkamen. Die absolut erschütternde Erkenntnis, dass der Missbrauch in meiner Kindheit noch viel weiter gegangen war als die mir bereits bekannte seelische und körperliche Gewalt. Und auch wenn ich dazu bewusst keinen Zugang hatte, waren bestimmte Auswirkungen dennoch da. So vieles macht jetzt im Nachhinein so viel Sinn. Und es ist als sei mir plötzlich ein Schleier von den Augen entfernt. Und da habe ich feststellen müssen, dass ich immer noch Menschen in meinem Umfeld habe, die versuchen mich zu manipulieren und zu benutzen. Ich habe festgestellt, wie viele Menschen mit meiner Unterstützung rechnen, mit meiner Loyalität, die mir im umgekehrten Fall nichts zu geben haben oder sogar meinen vermeintlichen Moment der Schwäche nutzten, um mir Schmerz zuzufügen und mir zu schaden. Und als ich mich wehrte, reagierten sie genau wie die Menschen meiner Kindheit: Es war nicht so gemeint, es war keine Absicht oder ich habe das völlig falsch verstanden. Ich soll mich nicht so anstellen. Klar doch. Was für ein fieses Konzept, einem Menschen zu vermitteln dass die  eigene skrupellose Rücksichtslosigkeit, Gemeinheit und Herzlosigkeit das normale Maß der Dinge ist und seine Wahrnehmung und Empfindung einfach nicht zählt!

Ich habe Neuigkeiten: In meinem Leben zählt mein Maßstab und meine Gefühle sind mein Kompass. Dafür brauche ich niemandes Zustimmung. In meinem Leben herrscht mein Geburtsrecht auf IchSein.

Der Anfang von IchSein

Dieser Blog ist entstanden kurz nachdem bei mir verdrängte Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in meiner Kindheit hochkamen. Das Erlebnis war für mich als Kind so angsteinflößend und traumatisch gewesen, dass ich dachte ich würde sterbe und ich tatsächlich meinen Körper verlassen habe. In der schamanischen Tradition beschreibt man ein solches Trauma als die Abtrennung eines Seelenaspektes. Die Erinnerung kam aus meiner Sicht nun hoch, weil etwas in mir heilen und ganzwerden will. Auch wenn ich einen konstruktiven, ganzheitlichen Ansatz und viel Wissen besitze, bin ich mir dessen sehr bewusst, dass dies dennoch ein schwieriger Weg wird.

Ich habe festgestellt, dass dieser Weg auch ein ziemlich einsamer ist. Meine Umgebung hat auf meine Mitteilung meiner Entdeckung sehr unterschiedlich reagiert. Die Reaktionen der Menschen spiegeln exakt ihren wahren Charakter. Insofern war dies ein Moment der Wahrheit, denn Menschen sind in der Theorie natürlich alle liebevoll und gutmütig. In der Realität leider gar nicht. Und ich werde vor dieser Realität nicht die Augen verschließen. Ich werde meine Zeit, Aufmerksamkeit, Unterstützung nicht mehr an Menschen verschwenden die gleichgültig, herzlos oder gar niederträchtig reagierten. Ich richte diese Ressourcen jetzt auf mich selbst, um mich zu fördern, zu heilen und unterstützen.

Ich habe vor mehr als 10 Jahren, ebenfalls während einer Krise, angefangen zu schreiben, zunächst für mich, zur eigenen emotionalen Verarbeitung. Oft finden wir in unseren dunkelsten Momenten unsere größten Schätze und so war dies ein Weg der mich dazu brachte Bücher zu schreiben. Diese Bücher sind dazu gedacht andere Menschen zu ermutigen und inspirieren. Die entsprechende Website ist hier zu finden.

Ein weiterer Aspekt von mir ist, dass ich ein sehr sensitiver Mensch bin und mich mein gesamtes Leben lang mit spirituellen Themen befasst habe. Da die meisten Menschen diesem Thema mit Spott oder Angst begegnen, bin ich damit nie an die Öffentlichkeit getreten. Mir war vor acht Jahren gesagt worden es sei meine Bestimmung „Heilerin der Herzen“ zu sein. Etwas was ich damals noch weit von mir gewiesen habe, schließlich war ich selbst noch nicht gesundet. Auch erschien es mir anmaßend und vermessen. Nur bekam ich die gleiche Botschaft immer wieder und wieder, von völlig wildfremden Menschen. Mir wurde weiterhin gesagt, dass ich diesen sehr schwierigen Lebensplan gewählt habe um anderen helfen zu können. Was ich nun seit einem Jahr mache. Die Homepage mit dem dazugehörigen Blog sind auf englisch, da mein entsprechendes Umfeld international ist. Auch hier liegt mein Augenmerk natürlich auf den Menschen, denen ich mit dieser Arbeit diene.

Insofern kehre ich mit „IchSein“ nun zum Schreiben für mich selbst zurück, genau wie in der Krise in der ich ursprünglich mit dem Schreiben anfing. Die Gründe warum ich das Ganze nun überhaupt öffentlich betreibe, anstatt einfach nur ein weiteres Schreibheft zu füllen das nie veröffentlicht wird, sind die folgenden:

  • Ich möchte den Mut haben mit diesem Tabuthema in die Öffentlichkeit zu treten. Die Reaktionen meiner Umgebung haben mir gezeigt, dass Unsichtbarkeit, Schweigen und Scham nur den Tätern dient. Ignoranz ist kein Schutz, sondern Schwäche. Und da ich nicht zählen kann wie viele Menschen mir im Laufe der Zeit im Vertrauen berichtet hatten, dass sie einer Form von Missbrauch ausgesetzt waren, ist es Zeit dass wir kollektiv für uns einstehen.
  • Auch wenn ich dies für mich schreibe, bedeutet es nicht, dass es anderen nicht vielleicht doch auch helfen kann. Zu wissen, dass man eben nicht alleine ist, ist viel wert. Vielleicht kommt aus meiner Feder im Laufe der Zeit nicht nur schmerzliches, sondern auch ermutigendes oder inspirierendes.
  • Dieser Blog bedeutet für mich, dass ich einen der schwierigsten Momente meines Lebens wähle um komplett zu mir selbst zu stehen. Dass ich aus meiner Verwundbarkeit eine Stärke mache.

IchSein ist das Geburtsrecht eines jeden Menschen – sollte man meinen. In der Theorie mag das in demokratischen Staaten auch stimmen, aber im wahren, echten Leben sieht das oft völlig anders aus. Jeder sagt dir wie du zu sein hast, weil jeder möchte dass du seinen Normen entsprichst und seine Bedürfnisse erfüllst. Aber unser eigenes Leben kann und darf nur uns selbst gehören. Mir wurde bewusst, dass ich mich dem Diktat anderer unterwerfe, wenn ich nicht ausdrücke, wer ich wirklich bin. Missbrauch hat viele Formen und Abstufungen, aber er verletzt irgendwie immer die Souveränität eines anderen. Insofern ist „IchSein“ für mich das Symbol meiner eigenen Souveränität und Integrität.